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"Mordakte" Reviews
Dr. Hani Saleh
Blog

Jürgen Elsässer: Wie der Dschihad nach Europa kam. Gotteskrieger und Geheimdienste auf dem Balkan. NP-Buchverlag, St. Pölten - Wien - Linz, 240 S., 19,90 Euro, ISBN 3 85326 376 3

Der Schnitter Tod, geheißen Mordamerika (Peter Hacks), streift Beute machend um die Welt. Wo er Pretiosen zu rauben gedenkt, pausiert er, zimmert ein Trojanisches Pferd und züchtet flugs kriegstolle Rohlinge, die das blutige Werk verrichten. Stumm, mit lastendem Schatz auf dem Rücken, stapft der verderbliche Nomade hernach weiter, nächsten Fang im Visier, hinterläßt Leichen, Trümmer, Grauen, Verzweiflung, Unfrieden, wirft seine Rekruten verächtlich ab. Zurück bleibt der Nährboden für nicht enden wollende Konflikte. So in ungebundener Sprache die Quintessenz des neuen Werkes von Jürgen Elsässer "Wie der Dschihad nach Europa kam".

Besorgnis erregend, daß der Autor im Herzen Europas, auf dem Balkan, ein so geartetes Trojanisches Pferd, ein lebendiges dazu, ausmachte. Er nahm sich das Monstrum zur Brust, kroch hinein, harrte drinnen zehn Jahre aus, grub sich akribisch wie ein Archäologe in Ritzen, Winkel, wertete Schlachtgetümmel, Nachhall des Balkankrieges der 90er Jahre aus, kramte im Humus und fand, erschreckend genug, Fanatiker des Terrors samt aufkeimender Saat. Fazit: "Dank westlicher Protektion hat sich in Bosnien-Herzegowina ein terroristischer Brückenkopf gebildet, der sowohl für die weitere Entwicklung des Landes, als auch für die Sicherheit in Europa ein erhebliches Bedrohungspotential darstellt." Der Dschihad, wie Elsässer beweist, hat auf dem Balkan Fuß gefaßt, ist im vereinten Europa angekommen. Es ist mehr als eine grausame Ironie, jener "Heilige Krieg", von der Bush-Administration als "Bedrohung für Amerika", für die Menschheit, gebrandmarkt und für die Anschläge vom 11. September 2001 auf World Trade Center, Pentagon verantwortlich gemacht, spielte eine Hauptrolle in den militärischen und Geheimdienstoperationen der USA auf dem Balkan der 90er als auch im sowjetisch besetzten Afghanistan der 80er Jahre. Es ist Elsässers Verdienst, das heraus gearbeitet, dokumentiert und dem "europäischen Aufmarschgebiet der Dschihadisten" ein Gesicht gegeben zu haben: "Vor allem im bosnischen Bürgerkrieg haben einige Tausend militante Moslems aus den arabischen Staaten und dem Iran an der Seite ihrer Glaubensbrüder gegen die Christen, also gegen Serben und Kroaten, gekämpft. Ebenso wie in den achtziger Jahren in Afghanistan schloß die US-Administration einen Pakt mit dem Teufel: Unter Bruch des UN-Waffenembargos versorgte sie die Gotteskrieger mit modernsten Waffen." Mehr noch: Mindestens vier der Hauptverdächtigen des 11. September kämpften in den 90er Jahren auf dem Balkan, unterstützt von NATO-Geheimdiensten, den "Heiligen Krieg". Damals erhielt der "Topterrorist" Osama bin Laden von der pro-westlichen Regierung in Sarajevo einen Paß, und "Hunderte seiner Getreuen haben sich dauerhaft in Bosnien und Albanien niedergelassen. Von dort wurden sie von US-Agenten in das Kosovo und nach Mazedonien geschleust, andere steuerten Wien und Hamburg  an – und bereiteten dort das Inferno des 11. September vor." Anlaß für Elsässer, am Feindbild der USA zu rütteln, zu mutmaßen, ob "Al Qaida nicht eher ein Propagandabegriff der US-Außenpolitik als eine real existierende Organisation ist", denn viele der "Topterroristen" stehen nach wie vor im Verdacht, für westliche Dienste zu arbeiten.

Die überbordende Fülle an Fakten, Material, Beweisen, welche die Thesen des Buches fest fundamentieren, lassen den Leser nicht nur schaudern ob der Beschreibungen der auf dem Balkan verübten Greueltaten, nein, sie gewähren ihm einen Blick in die Verdammnis internationaler Politik samt ihrer ekelhaften Geheimdienstpraktiken und versetzen ihn in moderner Demokratien geheime Hinterzimmer, dorthin, wo deren Höllenlust nach Kriegen pulsiert, wo der Kampf um die Neuaufteilung der Welt rast. Elsässer reißt diese Hintertür auf, läßt Geschichte, Hintergründe des Balkankrieges, die Fratze des neuzeitlichen Militarismus vorbeiziehen. Ein mutiges Werk, provozierend, aufklärend. Ein Buch, dem der Drang des Autors geschuldet, die Wahrheit an den Tag zu legen, wie Sirenengeheul zwischen den Zeilen schwingt, das nicht losläßt und aufzeigt, daß alle, wirklich alle Täter, hier und jetzt und unter uns sind.

Jürgen Cain Külbel

Es begann im Bosnienkrieg
Wie der Djihad nach Europa kam 
Neues Deutschland 14.4.2005 
Von Jürgen Cain Külbel 
 
Die Hauptverdächtigen des 11. September haben in den 90er Jahren auf dem Balkan gekämpft. Eine Flugstunde von Wien und München entfernt, trainierten sie den gnadenlosen Kampf gegen die Ungläubigen – mit Unterstützung von NATO-Geheimdiensten. Doch während in den vorliegenden Standardwerken zu Al Qaida die Aktivitäten der Terroristen auf allen Kontinenten ausführlich geschildert werden, blieb ausgerechnet das europäische Aufmarschgebiet der Djihadisten bisher so gut wie unbeachtet. Vor allem im bosnischen Bürgerkrieg haben einige Tausend militante Moslems aus den arabischen Staaten und dem Iran an der Seite ihrer Glaubensbrüder gegen die Christen, also gegen Serben und Kroaten, gekämpft. Ebenso wie in den 80er Jahren in Afghanistan schloss die US-Administration einen Pakt mit dem Teufel: Unter Bruch des UN-Waffenembargos versorgte sie die Gotteskrieger mit modernsten Waffen.
Osama bin Laden hat von der pro-westlichen Regierung in Sarajevo einen Pass bekommen, Hunderte seiner Getreuen haben sich dauerhaft in Bosnien und Albanien niedergelassen. Von dort wurden sie von US-Agenten in das Kosovo und nach Mazedonien geschleust, andere steuerten Wien und Hamburg an – und bereiteten dort das Inferno des 11. September vor.
Darüber informiert Jürgen Elsässer in seinem neuen Buch, Ergebnis einer mehrjährigen Recherche. Es stützt sich neben englischsprachigen, französischen und serbo-kroatischen Quellen auch auf Gespräche mit Geheimdienstexperten und Mitgliedern der UN-Mission in Bosnien sowie zahlreiche Besuche vor Ort.
»Wenn Europa seine Haltung nicht ändert, werden wir Maßnahmen ergreifen und terroristische Aktionen auf europäischem Territorium entfesseln. Viele europäische Hauptstädte werden in Flammen stehen«, erklärte Sefer Halilovic, Oberbefehlshaber der bosnisch-muslimischen Armee 1993. Und US-Antiterrorchef Richard A. Clarke bekundete 2004: »Auch wenn die westlichen Geheimdienste die Tätigkeit der Mudjahedin in Bosnien nie einen Djihad der Al Qaida nannten, ist inzwischen klar, daß es sich genau darum handelte.«
Besonders Bosnien-Herzegowina bot für den Aufbau einer Dschihad-Front günstige Voraussetzungen. Durch westliche Einflussnahme konnte es gelingen, zu Beginn der 90er Jahre die dort vorherrschende gemäßigte Strömung der Muslime auszuschalten und die Förderer des Heiligen Krieges an die Macht zu bringen. Dabei spielte Wien als Schaltstelle des Waffenschmuggels zunächst die zentrale Rolle. Mit Geldern und Kämpfern aus dem islamischen Welt wurde die bosnisch-muslimische Armee aufgebaut. Der Kampfwert der Gotteskrieger war zunächst gering, das änderte sich erst, als William (»Bill«) Clinton 1993 US-Präsident wurde und im Zusammenspiel mit dem Erzfeind Iran deren Aufrüstung organisierte. Der US-Geheimdienst brachte UN-Blauhelme, die den Bruch des internationalen Waffenembargos kritisierten, zum Schweigen. Die vermutlich wichtigste Rolle spielte die Pentagon-Vertragsfirma MPRI, die nach dem Friedensschluss von Dayton (1995) auch die Kontrolle über die bosnische Armee übernahm. Deren fähigste Kämpfer bildete sie in dem mittlerweile ebenfalls von bin Laden-Vertrauten durchsetzen Albanien aus und schickte sie zur Unterstützung der Terrorbewegung UCK ins Kosovo und nach Mazedonien.
Ein Großteil dieser Aktivitäten wurde aus einem saudisch-amerikanischen Spendensumpf angeblich humanitärer Organisationen finanziert, in dem bin Laden nur eine untergeordnete Rolle spielte. Ganz generell stellt sich die Frage, ob Al Qaida nicht eher ein Propagandabegriff der US-Außenpolitik als eine real existierende Organisation ist, zumal bei vielen Top-Terroristen der Verdacht besteht, dass sie auch für westliche Dienste arbeiten. Dies trifft auch auf die Hauptverdächtigen des 11. September zu, insbesondere auf die beiden angeblichen Masterminds der Anschläge.
Jedenfalls hat sich dank westlicher Protektion in Bosnien-Herzegowina ein terroristischer Brückenkopf gebildet, der für die Sicherheit in Europa ein erhebliches Bedrohungspotenzial darstellt. Schon seit geraumer Zeit gibt es darüber hinaus eine erhebliche Wanderungsbewegung von Djihad-Kämpfern zwischen dem Balkan und Tschetschenien. Dies wird aber im Westen nicht als Gefahr gesehen, da die US-Öl-Lobby längst die russischen Energiereserven im Auge hat.

Jürgen Elsässer: Wie der Dschihad nach Europa kam. Gotteskrieger und Geheimdienste auf dem Balkan. Niederösterreichisches Pressehaus, 2005. 245S., geb., 19,90 EUR.