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SERGE BRAMMERTZ, ZWEI „JAMES BONDS“ UND EINE BALDIGE BUCHPREMIERE
AL WATAN, 07. Januar 2007
Einige Gedanken darüber, warum der deutsche Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis gerade jetzt aus der Versenkung aufgetaucht war, wenige Anmerkungen zum vierten Report des Belgiers Serge Brammertz in der Mordsache Hariri und wie eine deutsche Edelfeder die Leiden des deutschen „James Bond“, der noch immer seinem Phantom hinterher jagt, zu lindern gedenkt. Des weiteren die sich immer bizarrer gestaltenden „Ermittlungsergebnisse“ im Mordfall Rafik Hariri: Eine ausländische Zahnkrone, dreiunddreißig Leichenteile, Motive wie Sand am Meer, ein vermeintlicher Selbstmordattentäter, der aus dem Libanon stammt, dort jedoch nur drei Monate gelebt haben soll und Vorwürfe wegen Fälschung von Beweisen und Zeugenaussagen.
Tant de bruit pour une omelette! So viel Lärm um einen Eierkuchen, witzelte der französische Dichter Jacques Vallée Des Barreaux (1599-1673) schlagfertig, als beim Servieren des an einem freitäglichen Fasttag in der Schenke bestellten Omeletts mit Speck ein Donnerschlag hernieder sauste. Vor solch einem himmlischen Aufbrausen musste sich der belgische Staatsanwalt Serge Brammertz, seit Januar 2006 Leiter der UN International Independent Investigation Commission (UNIIIC) und mit der Aufklärung des Attentates auf den libanesischen Ex-Präsidenten Rafik Hariri betraut, nicht fürchten, als er am 12. Dezember 2006 dem UN-Sicherheitsrat seinen mittlerweile vierten Report vorlegte.
Die Untersuchung des Bombenanschlages vom Februar 2005 in Beirut, bei dem Hariri und 22 weitere Personen getötet worden waren, hätten, so der Chefuntersucher, nunmehr eine „heikle und komplizierte Phase“ erreicht, „Verdächtige und Zeugen seien jetzt identifiziert“, ebenso gäbe es „mögliche Verbindungen zu den anderen Tötungen oder Tötungsversuchen im Libanon während der letzten beiden Jahre“. Brammertz verkündete nüchtern, er wollte den Sachstand nicht offen diskutieren, um „Ermittler und Zeugen nicht in Gefahr zu bringen“ und um Vorverurteilungen von „Zeugen und Verdächtige“ zu vermeiden.
Ein Phantom jagt Detlev Mehlis
Einem, dem ein Ruf wie ein Donnerhall vorauseilt, lief in Anbetracht der Berichterstattung des Belgiers die Galle vollends über. Der Mann, Detlev Mehlis geheißen, mittlerweile in aller Welt bekannt wie ein bunter Hund, verlor schon Tage vor Veröffentlichung der neuen „Ermittlungsergebnisse“ seines Nachfolgers die oberstaatsanwaltschaftliche Contenance und feuerte prompt einige giftige Metaphern Richtung Belgier und Vereinte Nationen. „Verdächtige“ im „Mordfall Hariri“ waren nämlich von Mehlis, dem Ende 2005 ausgemusterten deutschen UN-Chefermittler, längst wie Briefmarken gesammelt worden.
Seit 15 Monaten sitzen aufgrund der „Empfehlung“ des Deutschen vier hochrangige libanesische Sicherheitschefs ohne jegliche Anklage ein. Allerdings war die Beweislage gegen die Herren, die nach Mehlis’ Auffassung das Attentat in Kollaboration mit der Regierung in Damaskus verübt haben sollen, bereits im Dezember 2005 völlig zusammengebrochen. Damals kam nämlich heraus, dass unter der Regie des deutschen Starermittlers Belastungszeugen „bestochen“ oder „erpresst“ worden waren. Mehlis erneuerte nun am 6. Dezember 2006, ein Jahr nach seiner Pleite als Ermittler, gegenüber dem Nachrichtenmagazin Stern das altbekannte Lamento: Er sei noch immer „davon überzeugt, dass der syrische Präsident Bashar Assad in das Attentat auf den libanesischen Ex-Premier Hariri verstrickt ist. Nach sechsmonatigen Ermittlungen, bei denen (er) 600 Zeugen vernehmen, zehntausende vertrauliche Dokumente und mehrere Millionen Telefonverbindungen auswerten ließ, (habe er) den syrischen Geheimdienstoffizier Ghazali im Januar 2006 als einen der Organisatoren des Bombenattentats identifiziert“.
„Beweise und Zeugenaussagen“ hatte er, so verkündete er dem deutschen Nachrichtenmagazin Der Stern, dem Nachfolger Brammertz bei Amtsübergabe im Januar 2006 geliefert und nahe gelegt, „Syriens Staatschef umgehend als Beschuldigten zu vernehmen“. Mehlis beschuldigte nun seinerseits Brammertz, der bislang „weder Verhaftungen vorgenommen noch entscheidende Erkenntnisse geliefert hat, die Ermittlungen im Mordfall Rafik Hariri zu verschleppen“. Und die Vereinten Nationen bekamen vom Stern auch gleich noch eins mit auf die Mütze: „Nachdem Detlev Mehlis im Oktober 2005 in einem vertraulichen Gespräch (UN-Generalsekretär) Kofi Annan über seine Ermittlungskenntnisse informiert hatte, unterrichtete (der Leiter der politischen Abteilung der UN, Untergeneralsekretär) Ibrahim Gambari fünf Tage später den syrischen UN-Botschafter Faysaal Mekdad über den Inhalt der vertraulichen Unterredung. Dadurch hatten die Syrer frühzeitig Kenntnis über Mehlis’ Pläne.“[1]
Am 17. Dezember 2006 meldete sich denn auch der ob seiner „ investigativen Reportagen mehrfach ausgezeichnete“ deutsche Fernseh- und Buchautor Oliver Schröm in seinem Hausmagazin Stern zu Wort, um dem arg gebeutelten Mehlis das (beinahe) gebrochene Rückgrat zu stärken. Der 1964 geborene Publizist warf kurzerhand in den Raum: „Als der Deutsche Detlev Mehlis noch im Mordfall Hariri ermittelt hatte, gab es den einen oder anderen Anfangserfolg. Doch nun stockt das Verfahren. Schont der neue UN-Sonderermittler die Syrer auf Wunsch von Kofi Annan?“ Schröm beklagte in seinem Beitrag, dass „Brammertz sich, wie bereits dreimal zuvor, in technischen Details verlieren … aber Täter und Hintermänner … wieder nicht beim Namen nennen (wird)“. Und er leierte dann gebetsmühlenartig herunter, was Mehlis am 6. Dezember 2006 längst vorgekaut hatte: „Der Mord (war) fast vollständig aufgeklärt, als der neue UN-Sonderermittler (Brammertz) im Januar sein Amt antrat. Sein Vorgänger, der Berliner Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis, hatte ein halbes Jahr zuvor seine Mission mit einem Paukenschlag begonnen, hatte die Privatwohnung und das Büro von Mustafa Hamdan durchsuchen lassen, dem mächtigen Chef der libanesischen Präsidentengarde, Herr über eine 3000-köpfige Eliteeinheit mit besten Kontakten nach Syrien. Mit seinem Team vernahm Mehlis insgesamt 600 Zeugen, analysierte Millionen Telefonverbindungen und überprüfte Bankkonten syrischer und libanesischer Geheimdienstoffiziere.“
Nach Ansicht von Oliver Schröm, die selbstverständlich die von Mehlis ist, führen „die Spuren des Hariri-Anschlags zu libanesischen Militärs und Sicherheitsbeamten, aber auch nach Syrien, zu hochrangigen Geheimdienstoffizieren sowie zu einem Schwager und einem Bruder von Staatschef Bashar Assad. Gegen Ende seiner Amtszeit hatte Mehlis noch den ehemaligen syrischen Vizepräsidenten Abdel Halim Khaddam in dessen Exil in Paris vernommen. Der beschuldigte Assad, persönlich den Hariri-Mord in Auftrag gegeben zu haben, und bestätigte damit Ermittlungsergebnisse, die Mehlis auf anderem Wege bereits gewonnen hatte“. Was für ein Kronzeuge! Zu dem Zeitpunkt, als Mehlis Khaddam befragte, wohnte der längst in einer der Pariser Villen des getöteten Hariri. Keinesfall Zufall: Im Frühjahr 2006 schnürte Khaddams Enkelin die während der letzten Dekaden hinweg durch viel Geld zusammengeschweißten „Familienbande“ noch stärker, indem sie in den Hariri-Clan hineingeheiratet hatte.
SOS für zwei „James Bonds“
Tatsächlich steht die Reputation des deutschen „Starermittlers“ wieder einmal zur Disposition. Dessen Ruf vom „reißenden Wolf“ in Libanon ist längst dem eines „Clown in Town“ gewichen; spätestens nachdem die Anwälte von Jamil Sayyed, einer der vier inhaftierten Generäle, am 12. November auf einer Pressekonferenz im Beiruter Sheraton-Coral Beach Hotel verkündet hatten, Mehlis und sein Team haben “Beweise gefälscht“ und „Zeugen gefakt“, um „Sayyed ins Gefängnis zu werfen“. Die französischen Anwälte Antoine Korkmaz, Raphaelle Neron und Jerrod Brawel bezeichneten ihren Klienten als “politischen Gefangenen”, dem „Freiheit angeboten wurde“, wenn er im Gegenzug „einen falschen Zeugen stütze, der unverblümt Syrien der Ausführung des Mordes beschuldigen würde“. Korkmaz behauptete, Sayyed hätte zwei Wochen vor seiner Inhaftierung drei “geheime Treffen mit “Gerhard Lehmann, Mehlis' Stellvertreter, gehabt, der von Sayyed die Namen derer forderte, die für die Ermordung Hariris verantwortlich seien – anderenfalls würde er eingekerkert. Aber Sayyed habe Lehmann wiederholt informiert, dass er keine unschuldigen Leute beschuldigen würde.” Der Franzose behauptete nun, Mehlis und sein Team haben danach exzessiv “Beweise fabriziert und imaginäre Zeugen befragt“. Sayyed sitze nun seit 15 Monaten „auf Empfehlung“ von Mehlis und nicht auf Basis auch „nur eines verwertbaren Beweises“ ein, ohne überhaupt „offiziell angeklagt worden zu sein“; sämtliche von Mehlis und Brammertz gesammelten Beweise “sind nutzlos, weil kein einziger die Verstrickung unseres Klienten in den Mord “ bestätigt.[2]
Oliver Schröm hat nun offenbar einiges aufgearbeitet, um das Image des Berliner Oberstaatsanwaltes, der in Beirut deftige Prügel einstecken musste, aufzupolieren. Zudem bekam der Deutsche für seine Ermittlungsgenialitäten das Bundesverdienstkreuz; die deutsche Außenpolitik möchte sich ja keine allzu große Blöße geben. Am 18. März 2007 soll nun Schröms neues Buch unter dem Titel „Mörder als Friedensstifter. Syrien, die Hisbollah und das falsche Spiel der UN“[3] erscheinen. In der Ankündigung heißt es schon jetzt: „Im Auftrag der UN untersucht der Berliner Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis von Mai 2005 bis Januar 2006 den Mord am libanesischen Ex-Premier Rafik Hariri, Der Anschlag erschüttert das ganze Land. Es kam zu einer Welle von Protestaktionen der libanesischen Bevölkerung, woraufhin das Regime in Syrien nach 30 Jahren Besatzung seine Truppen aus dem Nachbarland zurückzog. Detlev Mehlis soll nun als zweithöchster UN-Beamter klären, wer für die Tat verantwortlich ist. Doch von den USA, Frankreich, Großbritannien und Russland wird Druck auf ihn ausgeübt, seine Ermittlungsergebnisse sollen unterschiedlichen politischen Zwecken dienen, womöglich sogar den Vorwand für eine neue US-Intervention in Syrien liefern. Mehlis gelingt es, sich von den Zwängen zu befreien und deutlich zu machen, dass er vor niemandem zurückschreckt und sich auch von Morddrohungen nicht einschüchtern lässt. Doch am Ende passen seine Erkenntnisse nicht in das Konzept der einflussreichen UNO-Mächte - und beugen will er sich nicht. Unbeirrt geht er den Spuren des Verbrechens nach. Als einziger Journalist hatte Oliver Schröm während der gefährlichen UN-Mission wochenlang Zugang zu Mehlis, seinem Chef-Ermittler und dem Spezialistenteam aus allen Erdteilen. Nach monatelangen Recherchen in Nahost, Wien und New York kam er Vorgängen auf die Spur, die in Deutschland lieber vertuscht werden, etwa die heimliche Zusammenarbeit des BND mit den mutmaßlichen Drahtziehern des Attentats. Schröm liefert einen Insider-Report, bei dem durch die spannende Handlung eines realen Kriminalfalles dem Leser ein Stück Weltpolitik nahe gebracht wird.“[4]
Schröm, der sich so vehement für Detlev Mehlis einsetzt, verbindet allerdings auch einiges mit dessen Stellvertreter in Beirut, jenem Gerhard Lehmann, dessen „Existenz eigentlich so geheim ist, dass selbst im deutschen Bundeskriminalamt (BKA) nur eine Handvoll Personen wissen, was er wirklich macht“. Im Jahre 2005 veröffentlichte der Stern-Autor ein „Heldenepos“ über den Mann, das den Titel „Gefährliche Mission. Die Geschichte des erfolgreichsten deutschen Terrorfahnders“ trägt. Als Richard Böttcher lässt er ihn „auf Kommando in eine andere Identität schlüpfen, die ihm über die Jahre zur zweiten Haut geworden ist“. „Richard Böttcher“ so heißt es im Klappentext „ist der Mann für heikle Missionen. Kein Fahnder hat in den vergangenen 25 Jahren mehr Attentate aufgeklärt, mehr Terroristen und ihre Hintermänner hinter Gitter gebracht. Er kam dem berüchtigten Terroristen Carlos auf die Spur, deckte die Wahrheit über die dritte RAF-Generation auf und verhinderte Anschläge von Palästinenserorganisationen. Heute ermittelt der BKA-Beamte auch im Auftrag der UN und fahndet nach Mitgliedern von internationalen Terrororganisationen. Exklusiv offenbarte der BKA-Fahnder dem Journalisten und Buchautor Oliver Schröm Hintergründe und Abläufe bislang streng geheim gehaltener Anti-Terror-Operationen“.
"Gerhard Lehmann, persönlicher James Bond von Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis. Beiden wird eine besondere Nähe zum Bundesnachrichtendienst nachgesagt" © Saar Echo
Gerhard Lehmann ist heutigentags immer wieder in den Schlagzeilen; und zwar in den negativen, die der deutschen Außenpolitik ein Stachel im Fleisch sind: Der Beamte des Bundeskriminalamtes soll das CIA-Entführungsopfer Khaled al-Masri, einen Neu-Ulmer libanesischer Abstammung, während seiner Haft im afghanischen Kabul mehrfach verhört haben. Lehmann, der nach al-Masris in Kabul unter dem Decknamen "Sam" auftrat, bestreitet allerdings die Vorwürfe, die derzeit recht erfolglos von einem Untersuchungsausschuss des deutschen Bundestages verheimlichend untersucht werden. Es geht um Geheimdienstverbindungen, um Folter, um nicht mehr und nicht weniger.
Die Anwälte Sayyeds bestätigten nun gegenüber dem Autor, dass jederzeit eine “Prozessklage gegen Mehlis und Lehmann in Europa eingereicht werden könne, man aber derzeit noch einiges prüfe …“ Das dürfte den Herren Schröm, Mehlis und Lehmann nicht entgangen sein; vielleicht ist das die Erklärung für die jüngste „Marktoffensive“ des Berliner Staatsanwaltes und seines schreibenden Sekretärs. Schließlich soll der Eierkuchen, wenn man das zu erwartende Mehlis-Buch so nennen darf, mit Radau unters Volk gebracht werden. Welcher deutsche Leser interessiert sich schon für die Ermittlungen einer Flasche? Zudem bietet das Mehlis die Möglichkeit, seinen ramponierten Ruf wenigstens etwas aufzumöbeln.
Um die Verteilung des Eierkuchens
Und so putzt und fummelt Schröm an Bild, Format und Image seiner Hauptfigur Mehlis, um dessen Sicht der Dinge in Sachen Ermittlungen zum Hariri-Mord verkaufsfähig zu machen. Für den Berliner, darauf pocht der Stern-Autor, steht sowieso noch immer felsenfest: „Bei dem Mord handelte es sich um eine ‚Verschwörung libanesischer und syrischer Sicherheitsbeamter’. Und, so lautet ein Schlüsselsatz in seinem Report, den er am 25. Oktober 2005 dem Weltsicherheitsrat vorstellte: „Viele Spuren weisen direkt auf syrische Offiziere, die in das Attentat involviert waren.“ l
Weiterhin Schröm lässt seine Hauptfigur sagen, nachdem die am 23. Januar 2006 das Amt in Beirut an Serge Brammertz übergeben hatte: „Mit den Beweisen und Zeugenaussagen, die uns heute vorliegen, könnte ich morgen schon eine Anklageschrift verfassen und damit vor Gericht gehen.“ Mehlis, so Schröm, empfiehlt dem Belgier, „Rustom Ghazali verhaften und ausliefern zu lassen und Staatspräsident Assad zu vernehmen, und zwar nicht als Zeugen, sondern als Beschuldigten“. Doch der 43-jährige Brammertz „erbleicht“ angeblich ob des Vorschlages. Überhaupt; heutigentags scheint Brammertz in den Augen von Mehlis nicht mehr und nicht weniger als eine Pfeife zu sein, weil der damals „den bereits vereinbarten Termin der Vernehmung Assads in Syrien platzen lässt, stattdessen nach New York zu Budget-Verhandlungen fliegt.“ Gleichzeitig scheint sich Mehlis im „fishing for complements“ zu üben, weil er mit Stolz geschwellter Brust darauf hinweist, dass Brammertz „noch während seines Aufenthalts im UN-Hauptquartier eine Reihe der Topermittler des Mehlis-Teams entlässt“, „sein Personal von 90 auf 180 Mitarbeiter aufstockt“, während er, der deutsche Starermittler, „in sechs Monaten mit 12 Millionen Dollar auskam“, seinem Nachfolger allerdings „ein Jahresetat von schätzungsweise 60 Millionen zur Verfügung steht“.
Und dann wieder das bekannte Klagelied: „In den knapp elf Monaten seit Brammertz' Amtsantritt wird niemand verhaftet, niemand beschuldigt. Er legt drei Berichte vor, bescheinigt Syrien, ‚zufriedenstellend zu kooperieren’, und lobt noch am 15. Juni: ‚Die Kooperation mit der Syrischen Arabischen Republik hat sich weiterentwickelt, mehrere Treffen mit Präsident und Vizepräsident haben stattgefunden.’
Schröm geht sogar noch einen Schritt weiter: „Seit Kurzem organisiert die Hisbollah nun in Beirut Demonstrationen gegen Präsident Siniora. Der hatte ohne Mitwirkung der Hisbollah-Minister der Einsetzung eines internationalen Tribunals zugestimmt, vor dem die Mörder von Hariri und Gemayel angeklagt werden sollen. Assad scheint mit Hilfe der Hisbollah eine alte Drohung wahr machen zu wollen. Fünf Monate vor dem Anschlag auf Hariri hatte Syriens Staatschef diesem in einem Gespräch angekündigt: ‚Ich werde den Libanon über deinem Kopf zerbrechen.’ Und sein heutiger Außenminister Walid Moallem hatte dies noch einmal bekräftigt, wie ein Tonband belegt, das Mehlis zugespielt wurde: ‚Wir und die Staatssicherheitsdienste hier haben dich in die Ecke gedrängt. Bitte nimm die Sache nicht auf die leichte Schulter.’ 14 Tage später war Hariri tot. In die Luft gejagt mit einer Tonne Sprengstoff.“[5]
Klar: Mehlis lebt in der Hoffnung, vielleicht doch noch irgendwie einen Zipfel von Satisfaktion zu erheischen. Kaum anzunehmen, dass ihm der Song des syrischen Pop-Stars Ali Deek nicht mehr in den Ohren nachklingt und ihm Nacht für Nacht Alpträume bringt: “Your report, oh Mehlis, is not worth a pound - it's a political move, you just want to put us out on the road, behind bars or kill us.” Und Oliver Schröm will wieder in die deutsche Bestseller-Liste.
Brammertz – der Fänger im Nebel
Doch nun einige Anmerkungen zu den neuen alten Erkenntnissen von Serge Brammertz. „Aus Beiruts politischen Kreisen hieß es,“ meldete die Nachrichtenagentur AFP bei Erscheinen des Reports, „dass der Sonderermittler seine Informationen bis zur letzten Minute zurückhalte. Eine solche Strategie sei üblich in großen Fällen, in denen sogar Regierungen unter Verdacht stehen“. Doch bei all den vollmundigen Verlautbarungen darf nicht übersehen werden, das Brammertz noch immer über mögliche Motive rätselt, die seine „Verdächtigen“ dazu bewegt haben könnten, Hariri zu ermorden. Im jüngsten Report bietet er sogar eine „unvollständige“ Auswahl feil: Ermordung durch eine Extremistengruppe wegen Hariris Verbindungen zu anderen Staaten in der Region und zum Westen; Tötung wegen seiner Position zur UN-Resolution 1559, die eine Entwaffnung der schiitischen Hisbollah verlangt; Ermordung wegen der (von der derzeitigen „antisyrischen“ Regierungskoalition als „verfassungswidrig“ angeprangerten) Verlängerung der Amtszeit des libanesischen Präsidenten Emile Lahoud; wegen des zu erwarten gewesenen Erfolges von Rafik Hariri bei den Wahlen im Mai 2005, wegen Hariris Bezuges zur libanesischen Tageszeitung An Nahar oder gar seiner Verwicklungen in den Finanzskandal der Al Madina Bank und so weiter und so fort. Offenbar steht wohl nach all den Monaten Ermittlungsarbeit nur eins exakt fest, nämlich, dass Hariri ermordet worden ist.
Zumindest zeigt sich der Belgier jetzt überzeugter denn je, dass ein Selbstmordattentäter die wuchtige Explosion, die zum Tode von Hariri führte, in Gang gesetzt haben soll. Ein Mann in den Zwanzigern, der nach einer Isotopenanalyse seiner 33 kleineren Körperreste, die er hinterließ, „weder Jugendzeit noch die letzten 10 Jahre“ sondern lediglich „die letzten zwei oder drei Monate vor dem Attentat in Libanon und verbrachte“, soll sich selbst neben oder in einem mit 1800 kg Sprengstoff beladenen Mitsubishi Van in die Luft gejagt und so das enorme Sprengstoffdepot gezündet haben; just in dem Moment als Hariris Fahrzeugeskorte vorbeifuhr. Eine dem Unbekannten zugeordnete Zahnkrone trage eine „charakteristische Markierung… wie sie selten im Libanon ist“.
Brammertz identifizierte nun aber den palästinensischen Flüchtling Ahmed Abu Adas, der bereits in den vergangenen Reporten eine Rolle spielte, als einen “potentiellen Selbstmordattentäter”; unabhängig der Tatsache, dass der nachweislich die meiste Zeit seines Lebens im Libanon verbracht hatte. Abu Adas hatte sich in einem Video, das vor dem Attentat aufgezeichnet worden war, bekannt, Hariri eliminieren zu wollen.
Ansonsten im Westen nichts neues. Der vierte Report war wie erwartet ein technischer. Interessant wäre zu wissen, ob die gerichtsmedizinische Untersuchung der 33 Leichenteile Angaben zum exakten Todeszeitpunkt des vermeintlichen Selbstmordbombers liefern konnten. Abu Adas war bekanntlich Wochen vor der Tat verschwunden. Ein Schelm, der da denken mag, das da vielleicht eine „frische“ Leiche im Mitsubishi gelegen haben könnte, die eine falsche Spur legen sollte; für den „Notfall“ zusagen.
Dank des Bombers, der 1800 kg Sprengstoff unterm Hintern gehabt haben soll, wurde somit auch die Klippe der Störsender, die Hariris Konvoi benutzte, um elektronische Fernzündungen zu unterbinden, umschifft. Ob die Geräte nun in Israel oder Papua-Neuguinea hergestellt worden waren, stellt der Bericht noch immer nicht klar. Zumindest zeigt sich Brammertz offen, was die Möglichkeit betrifft, dass das fahrende Sprengstoffdepot, jener in Japan geklaute Mitsubishi Van, auch aus der Luft gezündet worden sein könnte – vergleichbar dem Attentat auf die Brüder Majzoub. In dem Falle hatte der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad am 25. Mai 2006, so wie gemunkelt wird, ein mit Sprengstoff präpariertes Auto per Laserzündung aus einem Flugzeug heraus gezündet.
QUELLEN: [1] UN-Sonderermittler Brammertz verschleppt Ermittlungen im Mordfall Hariri - Syriens Staatschef Assad von Brammertz-Vorgänger Mehlis als Drahtzieher des Attentats ausgemacht - UN-Generalssekretär Annan verriet Syrien Mehlis-Pläne: http://www.stern.de/presse/vorab/577973.html?q=Hariri [2] Sayyed's lawyers accuse UN team of falsifying evidence in Hariri probe. Attorneys describe their client as 'political detainee', Daily Star, 13.11.2006 [3] http://www.linksverlag.de/ [4] ttp://www.bol.de/shop/home/artikeldetails/moerder_als_friedensstifter/ 5] Oliver Schröm: Mordfall Hariri. Verschleppt im Libanon, stern-Artikel aus Heft 50/2006, http://www.stern.de/politik/ausland/578449.html?nv=cb
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