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ROTER DRACHE JAGT AMERIKANISCHEN ADLER

AL WATAN, 28. Januar 2007

Schild und Speer

Im Staate Chu lebte ein Mann, der mit Schilden und Speeren handelte.
„Meine Schilde sind so stark, dass nichts sie zu durchbohren vermag!“ prahlte er. In gleicher Weise pries er die Speere: „Sie sind so spitz, dass es nichts auf der Welt gibt, was sie nicht durchstechen könnten!“
Da fragte ihn jemand: „Wenn ich mit deinem Speer auf deinen Schild treffe, was geschieht dann?“
Darauf wusste der Mann keine Antwort.
Han Feizi, chinesischer Philosoph, um 280 bis 233 v. u. Z.


 
Abschuss vor Sonnenaufgang

Ebenso sprachlos waren die Verantwortlichen in Washington, nachdem ihre Geheimdienste viel zu spät zu der Erkenntnis gelangt waren, dass Peking am 11. Januar 2006, um 17.26 Uhr Ortszeit New York, als erste Nation mit einer ballistischen Rakete gezielt einen veralteten, 1999 in den Orbit geschickten chinesischen Wettersatelliten im All abgeschossen hatte. Und zwar vom Boden aus! Die Mittelstreckenrakete, bestückt mit einem so genannten „kill vehicle“, war vom Weltraumbahnhof Xichang in Südwestchina gestartet, traf den in etwa 800 km Höhe um die Erde kreisenden Satelliten vom Typ Fengyun-1C (FY-1C) exakt 94 Minuten vor Sonnenaufgang im fernöstlichen Land und zerlegte ihn - so vermuten manche Experten - in bis zu vierzigtausend Trümmerteile. Die Überbleibsel, so berichtete das Raumfahrtmagazin Aviation Week and Space Technology am 17. Januar 2006, wurden zuerst von Beobachtern in mehreren anderen Nationen gesichtet; „mit einiger Verspätung folgte nun die Bestätigung der US-Regierung“.

Bemerkenswert ist der „Vorfall“ in zweierlei Hinsicht: Erstens hat niemand etwas von der Explosion gehört oder gesehen, und zweitens war noch nie zuvor etwas Vergleichbares gelungen. Allerdings hatten sowohl die Vereinigten Staaten als auch die ehemalige Sowjetunion während des Kalten Krieges verschiedene dieser
Anti-Satelliten-Programme (ASAT) entwickelt, doch das, was die Chinesen zu Beginn des Jahres vorführten, stellt all diese Anstrengungen in den Schatten. Zwar schoss ein amerikanischer F-15-Kampfjet den
USAF-Forschungssatelliten „Solwind P78-1“ im Jahre 1985 mit einer speziellen Rakete ab, aber eben aus der Luft, und obzwar das Pentagon in den vergangenen Jahren nahezu 400 Millionen Dollar in die Entwicklung fortgeschrittener ASAT-Technik investiert hatte, gelangte noch keines der Projekte in die Testphase. Andererseits verfügt die 76. Space Control Sqadron der US Air Force, stationiert in Peterson, Colorado, über eine andere Art offensive und defensive “Gegentechnologie”: Die Teams sind technisch in der Lage, „weltweit die Kommunikation gegnerischer Satelliten zu stören“. Einen Satelliten vom Boden aus abzuschießen, ist jedoch eine völlig andere und äußerst schwierige Angelegenheit: Die Dimensionen des Orbiters sind gewöhnlich gering – der Wettersatellit FY-1C[1] bot gerade mal eine Angriffsfläche von 2,3 Quadratmetern - und das Flugobjekt ist in Relation zum Erdboden mit mehreren Tausend Kilometern pro Stunde unterwegs. Gründe genug für Amerikaner als auch Russen, solcherart Asat-Technologie nicht zu entwickeln; statt dessen im Orbit schwebende Systeme, die von dort aus „gegnerische“ Satelliten eliminieren sollen.

“Chinas erfolgreicher Test einer Anti-Satelliten-Waffe (ASAT) bedeutet, das Land hat Schlüsseltechnologien (Sensortechnik, Kursverfolgung) für fortgeschrittene militärische Weltraumoperationen gemeistert. China kann nun auch die ‚Weltraumkontrolle’ als politische Waffe einsetzen, die hilft, seine wachsende regionale und globale Macht zu projizieren,” fasste der Analyst Craig Covault in Aviation Week and Space Technology das spektakuläre Ereignis zusammen.[2]  Dass China an Anti-Satelliten-Systemen arbeitet, war bereits im August des vergangenen Jahres bekannt geworden, nachdem ein hochrangiger US-Beamter berichtete, die Chinesen hätten kurz zuvor mit einem bodengestützten Laser einen Satelliten der USA „geblendet“. „Das machte uns nachdenklich,“ sagte seinerzeit Donald Kerr, Direktor der National Reconnaissance Office (NRO), eine Einrichtung, die eng mit dem amerikanischen Geheimdienst CIA zusammenarbeitet. Diese Blendspielchen sind nicht neu: Bereits vor über zwanzig Jahren tastete die USA chinesische und sowjetische Satelliten mit Laser ab, um Erkenntnisse über Konstruktionsgeheimnisse zu erhalten.

China stürmt ins All

Damals bastelte auch China längst an Möglichkeiten, es den Russen und Amerikanern gleich tun zu und ebenfalls Menschen in den Kosmos bringen zu können. Die Vision, einmal den Grund verlassen zu können, auf dem er wie angepflockt schien, und ferne Welten kennen zu lernen, die hoch über ihm thronen, trieb nicht nur die Menschen der Neuzeit um. Unsere altvorderen Dichter gaben diesen Phantasien ganz eigene Gestalt: Der römische Dichter Publius Ovidius Naso, besser bekannt als Ovid (43 v. u. Z. bis 17), ließ seinen Phaeton nach der Sonne reisen, und der syrische Spötter Lukian von Samosata (120 bis 180) schickte seinen Menippos mit einem Adler- und einem Geierflügel in den blauen Himmel, wo der nach dreitausend Meilen die erste Station, den Mond erreichte, dann an der Sonne vorbei, geradewegs zum Sitz der Götter flatterte. Offenbar von den Mond-Studien Galileo Galileis angeregt, schoss dann auch der englische Bischof Francis Godwin (1562 bis 1633) in seinem Roman "The Man in the Moone“ den Spanier „Domingo Gonsales“ auf den Trabanten; Stoff, der nachweislich auch Jonathan Swift („Gullivers Reisen“) anregte.

Die Phantasie war der Technik damals Jahrhunderte weit voraus; zumindest den europäischen Kulturkreis betreffend. Nahezu acht Jahrhunderte vor Godwin, dem französischen Romancier Cyrano de Bergerac, Swift oder auch dem deutschen Schelmenroman-Autor Grimmelshausen, deren literarische Helden sämtlich in den Weltraum flogen, fing die Geschichte der Raumfahrt mit dem Bau der ersten Raketen in China an, wo „brennbare Gemische aus natürlichen Pflanzen und Stoffen (Schwefel und Naphta oder Salpeter mit Kohlenstaub) als Kampfmittel, als "Lanzen des stürmischen Feuers", eingesetzt wurden. Schon vor der Zeitrechnung entwickelten die Chinesen von Schießpulver angetriebene kleine Raketen, die sie auch militärisch nutzten. Im Jahre 1126 wurde durch derart Raketen ein Turm in Brand gesteckt; 1161, so die Urkunden, verfügte das chinesische Heer bereits über „Raketeneinheiten“, deren Geschosse bis zu 80 Meter weit flogen. So wurden beispielsweise bei der Belagerung der chinesischen Stadt Oien King im Jahre 1232 Pulverraketen zur Kriegsführung verwendet.

Die Rakete aus dem Altertum Chinas war sozusagen die Vorläuferin aller modernen Raketen. Nach Gründung der Volksrepublik im Jahre 1949 begann China eigene Raumfahrtaktivitäten zu entwickeln. Über das entsprechende Know-how und die entsprechende Technologien verfügten die Spezialisten im Reich der Mitte von Beginn an. Interessant ist, dass zwischen den Anfängen der chinesischen, amerikanischen und russischen Raumfahrt Parallelen erkennbar sind: Auch die chinesische Technik baute maßgeblich auf deutschen Entwicklungen während der
Nazi-Zeit auf; die Chinesen nutzten die Erkenntnisse über Hitlers „Wunderwaffe“, die so genannten A4-Raketen, und das Know-how der Nazi-Ingenieure, das „über Umwege“ nach China kam. Wiederholte politische Blockaden, zwischenzeitlich enorme wirtschaftliche Schwierigkeiten schwächten jedoch die Kontinuität des Raumfahrtprogramms, was nicht daran hinderte, 1970 den ersten künstlichen Erdsatelliten in eine Umlaufbahn zu schießen und schließlich am 15. Oktober 2003 den ersten chinesischen „Taikonauten“ an Bord des Raumschiffes „Shenzhou 5“ zum ersten Flug ins All zu senden: Yang Liwei startete am 15. Oktober 2003 zum ersten bemannten chinesischen Weltraumflug.

Washington auf die Füße getreten

Der im Januar 2006 mittels HighTech abgeschossene chinesische Wettersatellit umkreiste nun die Erde in etwa derselben Höhe, die für US-Spionagesatelliten von Interesse ist, was darauf hindeutet, dass China zumindest theoretisch auch solcherart Objekte abzuschießen in der Lage sein könnte. Das dürfte den Verantwortlichen in der US-Administration, die sowohl in der militärischen Aufklärung als auch in der Terrorismus-Bekämpfung auf eben diese Satelliten setzt, wie bittere Galle aufstoßen.

Entsprechend das schmerzhafte Jaulen derer von und zu Washington und im und unterm Pentagon. „Nach Ansicht der Vereinigten Staaten ist die Entwicklung und das Testen solcher Waffen seitens Chinas nicht vereinbar mit dem Geist der Zusammenarbeit, den beide Länder im Bereich der zivilen Raumfahrt anstreben", verstieg sich der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats, Gordon Johndroe. Und Tony Snow, der Lautsprecher des Weißen Hauses, zeigte sich wie immer „besorgt“, wenn Interessen der Vereinigten Staaten tangiert werden. Vor allem stöhnten die Amerikaner, dass China den Waffentest, der „eine indirekte Bedrohung des amerikanischen Verteidigungssystems darstellt“, nicht angekündigt hatte.

Scharfe Kritik kam nachgerade auch aus Japan, Australien, Kanada und Merkels Europa. Japans Außenminister Taro Aso vermeldete zwar am 19. Januar 2007, „die chinesische Seite habe erklärt, der jüngste Test stehe im Einklang mit der friedlichen Nutzung des Weltalls“, übermittelte aber, offenbar bei Snow abgekupfert, seine „Sorgen“ an Chinas Außenministerium. Kabinettschef Yasuhisa Shiozaki, ebenso in „Sorge“, bat um etwas mehr Aufklärung: „Die japanische Regierung sei aus der Sicht nationaler Sicherheit und der friedlichen Nutzung des Weltalls sehr besorgt. Japan betrachte Chinas Entwicklung zwar nicht als Bedrohung, doch müsse Peking berücksichtigen, dass ein Mangel an Transparenz Misstrauen entstehen lässt.“ 

Am 23. Januar reihte sich dann endlich die EU in den Chorus ein. In einer Erklärung der deutschen
EU-Ratspräsidentschaft, Kanzlerin Angela Merkel hütet derzeit die Kiste, hieß es, der chinesische „Test stehe im Gegensatz zu den internationalen Bemühungen, ein Wettrüsten im All zu verhindern. Die EU bleibt bei ihrer Haltung, wonach die Erforschung und Nutzung des Weltraums einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper lediglich friedlichen Zwecken zu dienen und zum Nutzen und im Interesse aller Länder zu erfolgen hat.“

Am selben Tag nahm die Regierung in Peking erstmals öffentlich Stellung und erklärte, China sei gegen ein Wettrüsten im Weltraum: „Der Test war nicht gegen ein bestimmtes Land gerichtet und bedroht kein bestimmtes Land“, so Liu Jianchao, Sprecher des Außenministeriums. Bislang haben die Chinesen im Unterschied zu den Vereinigten Staaten stets betont, dass ihr Weltraumprogramm ausschließlich defensiver und friedlicher Natur sei.

Nicht Peking, die US-Regierung ist es, die wie der Teufel dem Weihwasser seit langem einem internationalen Abkommen flieht, das die Weltraumrüstung beschränken soll. „Jahrelang haben die Chinesen und die Russen versucht, ein Verbot von Weltraum-Waffen voranzutreiben,“ bekundete die US-Rüstungsexpertin Theresa Hitchens gegenüber der New York Times. Ihr Fazit: „Das Vorgehen, eine militärische Potenz zur Schau zu stellen, um jeden an den Verhandlungstisch zu bringen, ist eine klassische Technik des Kalten Krieges.“

Bush, der gefallene Herrscher des Universums

Am 7. Oktober 2006  veröffentlichte Bushs Office of Science and Technology Policy klammheimlich eine neue "Nationale Weltraumpolitik (National Space Policy)“, die der Präsident unterzeichnet hatte. Dem Papier zufolge werde die
US-Regierung alle künftigen Rüstungskontrollabkommen ablehnen, die der Bewegungsfreiheit der USA im Weltraum schaden könnten, und Ländern, die sich nicht amerikanischen Interessen gemäß verhielten, werde der Zugang zum All versperrt. „Handlungsfreiheit im Weltraum ist für die Vereinigten Staaten ebenso wichtig wie Fähigkeiten in der Luft oder zur See. Die USA werden sich der Entwicklung neuer rechtlicher Vereinbarungen oder anderer Beschränkungen widersetzen, die ihren Zugang zum All oder dessen Nutzung verhindern oder einschränken wollen“, heißt es in dem Dokument. Frederick Jones, Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates, betonte, dass der Weltraum ein immer wichtigerer Teil der US-Sicherheit in Bezug auf wirtschaftliche, nationale und internationale Interessen sei. Man wolle fortan „andere davon abbringen oder abschrecken“, die Ausübung der amerikanischen Rechte im Weltraum zu stören oder Technologien zu dem Zweck zu entwickeln. Gegebenenfalls, so die Macher der Schrift, werden die USA „auf Eingriffe antworten, falls nötig die Benutzung von Weltraumtechnologie unterbinden, die US-Interessen feindlich ist“. Überhaupt: Washington werde sich fortan allen Verträgen entgegenstellen, die „den Zugang zum Weltraum oder seine Benutzung durch die USA begrenzen“.

Das amerikanische Militär hatte bis dahin längst Milliarden Dollar für die Entwicklung von Waffen ausgegeben, die im All stationiert werden sollen. Darunter auch Technologie für Angriffe auf Ziele am Erdboden und gegen feindliche Satelliten. Die neue Strategie habe einen „sehr unilateralen Ton“, sagte Theresa Hitchens, Leiterin des Center for Defense Information in Washington, weil es „Kriegsstrategien für den Weltraum“ eröffne.

Einige Analysten glauben, der gelungene Raketentest könne daher ein „Signal Chinas“ an die Amerikaner sein, nun endlich in solcherart Verbots-Verhandlungen einzutreten. Der in aller Stille vorgenommene Abschuss des Wettersatelliten ist tatsächlich ein Schlag ins Gesicht amerikanischer Sicherheitspolitiker und Militärs; demonstriert er doch, dass die Chinesen jetzt schon oder in geraumer Zeit dazu in der Lage sind, jeden beliebigen Satelliten zu zerstören. Washingtons Pläne einer Nationalen Raketenabwehr im All, die eben auch auf Satelliten basiert, steht nunmehr auf tönernen Füssen. Im Falle eines militärischen Konflikts wären zudem kommerzielle als auch militärische Satelliten der USA, Europas, Israels und Japans bedroht: „Ohne die präzisen Himmelsaugen wären etwa die westlichen Streitkräfte praktisch blind“, resümierte das deutsche Nachrichtenmagazin Spiegel und argumentierte, „der Fluch des chinesischen Tests ist, dass Sicherheitspolitiker und Militärs ab sofort jede neu entwickelte Rakete von passender Größe als potentielle Anti-Satelliten-Waffe betrachten müssen. Was könnten die USA tun, um eine Attacke auf einen ihrer Satelliten zu verhindern? Wahrscheinlich nichts. Einen einzelnen Satelliten vor einer Attacke zu bewahren ist indes nahezu unmöglich. Selbst wenn Satelliten für ein Ausweichmanöver genügend Vorwarnzeit hätten, tragen sie in der Regel nicht genügend Treibstoff mit sich.“[3] Stoff für Verhandlungen wäre das allemal.

Überholen ohne Einzuholen?

Möglicherweise ist das aber auch ein deutliches „Signal der Stärke“ der aufsteigenden Supermacht. „Wieder einmal demonstriert China, dass es fest entschlossen ist, technologisch und militärisch aufzuholen, um endlich als eine den USA und Russland ebenbürtige Supermacht zu gelten“, schrieben Henryk Bork und Jeanne Rubner am 19. Januar 2006 in der Süddeutschen Zeitung. Doch das ist wohl nur die eine Seite der Medaille.

Den Westen Deutschlands „Überholen ohne Einzuholen" wollte auch ein Walter Ulbricht, ehemals Staatschef der DDR, im August 1959; heute ist das nur noch ein „Treppenwitz der Geschichte“. Doch den Chinesen geht es offenbar um mehr als nur „technologisch und militärisch“ gleichzuziehen. Blenden wir zurück ins Jahr 1992. Während der damaligen Amtszeit von George Herbert Walker Bush, Zeuger des jetzigen
Weltenbrandstifters, markierte die „Defense Planning Guidance“ des Pentagon eine ihrer größten
politisch-militärischen Leitlinien: „Wir müssen versuchen zu verhüten, dass irgendeine feindliche Macht eine Region dominiert, deren Ressourcen – unter gefestigter Kontrolle – ausreichen würden, eine Weltmachtposition zu schaffen … Es gibt andere Nationen oder mögliche Koalitionen, die in der entfernten Zukunft strategische Ziele und militärische Fähigkeiten entwickeln könnten, die auf regionale oder globale Vorherrschaft hinauslaufen. Wir müssen unsere Strategie jetzt darauf konzentrieren, dem Aufstieg jedes möglichen Konkurrenten globaler Dimension zuvorzukommen.“ Diese Beschwörung richtete sich unzweifelhaft vor allem gegen China und Russland.

Die Amerikaner haben ganz eigene „Gründe“ für diese dreiste Strategie. Allein die Prognose der Internationalen Energieagentur (IEA) bis zum Jahr 2020 macht deutlich, dass sich der globale Primärenergiebedarf bis dahin im Vergleich zu 1997 um sage und schreibe 57 Prozent erhöhen werde. Erdöl, der wichtigste Energieträger, wird seinen Anteil von 40 Prozent konstant halten, während der Anteil von Erdgas um vier Prozent auf 26 Prozent steigt. Nach 2020 rechnet man mit dem verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien. Aber bis dahin wird die Abhängigkeit der globalen kapitalistischen Wirtschaft von der „schwarzen Droge“ bestehen bleiben. Somit ist die „Energie- und Versorgungssicherheit“ für die westliche Wirtschaft, allen voran die der USA, mehr als lebenswichtig. „Erforderlich ist der ungehinderte Zugriff auf fremdes Öl (Daniel Yergin: ‚feindliches Öl’), sei es durch unmittelbaren Zugriff der Ölmultis auf die Ölquellen bzw. durch Liefergarantien der Förderländer. Zum anderen kommt es für die Funktionsweise des globalen Kapitalismus mit seiner energieintensiven und hochgradig verwundbaren Ökonomie auf die Sicherung der Transportwege von Öl und Gas an.“

Zu dem Zweck hatten US-State Department und Pentagon schon vor Jahren das berüchtigte „Greater Middle East Project“ aufgelegt, durch das die gesamte Mittelmeer-, Nahost- und Mittelasienregion von Marokko bis zur chinesischen und indischen Grenze unter US-amerikanische wirtschaftliche und militärische Kontrolle gebracht werden sollte. Doch mittlerweile sind den Verantwortlichen innerhalb der US-Administration die Grenzen ihrer Macht in den Krisenregionen des Nahen und Mittleren Ostens, vor allem in Afghanistan, Irak, Libanon, vor Augen geführt geworden. US-Experten wie Richard Haass, bis 2003 Leiter der politischen Planungsabteilung im
US-Außenministerium, jetzt Präsident des einflussreichen Think Tank United States Atlantic Council, sind davon überzeugt, dass die USA ihren Einfluss im Mittleren Osten verlieren werden, und dass der Schaden, den die Regierung Bush amerikanischen Interessen zugefügt hat, erst in Jahrzehnten wieder behoben werde. Im außenpolitischen Magazin Foreign Affairs schrieb Haass im November 2006, dass „das Ende der US-Dominanz im Mittleren Osten gekommen ist“.

Der Versuch der Bush-Administration, „mit Hilfe des Irak-Krieges die strategischen Energiereserven des Mittleren Osten unter US-Kontrolle zu bringen und zugleich Irak zum Ausgangspunkt für die gewaltsame Umgestaltung des ‚Größeren Mittleren Ostens’ zu machen, der in das neoliberale Globalisierungskonzept der US-Konzerne gezwungen werden sollte, ist gescheitert. Zugleich ist das von den Neokonservativen propagierte Ziel der ‚Full Spectrum Dominance’, d.h. der globalen Dominanz der USA auf allen Gebieten und in allen Regionen, zu einer Schimäre geworden. Zwar hat der schnelle Sieg über die marode irakische Armee die Überlegenheit der
US-Militärtechnik erneut demonstriert, aber die anschließende Unfähigkeit Washingtons, dem besiegten Land seinen Willen aufzuzwingen und es zu kontrollieren, hat der Weltöffentlichkeit gezeigt, dass die amerikanische Supermacht auf tönernen Füßen steht.“[4]

Peking macht sich offenbar keinerlei Illusionen über den wahren Charakter und die Absichten amerikanischer Politik. Unbeeindruckt vom Gehabe derer am Potomac weiten die Chinesen Schritt für Schritt ihre ökonomischen, politischen und militärischen Beziehungen in Ländern aus, die sich einst im Schlepptau der USA befunden haben; das betrifft Saudi-Arabien als auch südamerikanische Staaten. Washington bleibt nur noch die Rolle des Beobachters. „Zugleich hat der Widerstand gegen die Willkür der ungezügelten Machtentfaltung der USA in der Region Zentralasien eine strategische Dimension mit formeller Organisation bekommen. So gehören Kirgisien, Kasachstan, Tadschikistan und Usbekistan bereits zu der von Russland und China ins Leben gerufenen Schanghai Kooperationsorganisation (SCO), deren Ziel es ist, die Expansion der USA in Zentralasien zurückzudrängen. Der Rauswurf der US-Luftwaffe aus ihrer Basis in Usbekistan im November 2005 ist ein direktes Resultat dieser Politik. Ebenso die Einschränkung der US-Operationsmöglichkeiten auf ihrem Stützpunkt in Kirgisien, verbunden mit der Erhöhung der dafür zu entrichtenden Jahresmiete von zwei auf 150 Millionen. Zugleich setzt sich Moskau innerhalb der SCO für die Aufnahme Irans ein.“

Neben Russland, das moderne Flugabwehrsysteme an den Iran verkaufte und Teheran beim Bau des Atomkraftwerks bei Buschehr unter die Arme greift, kooperiert auch China eng mit Iran, mit dem es ein Energieabkommen im Wert von über 100 Milliarden US-Dollar abgeschlossen hat. Iran hat im chinesischen Programm zur langfristigen Energiesicherheit einen hohen Stellenwert. Daher sind weder China noch Russland an einem Krieg gegen den Iran noch an einem Regierungswechsel in Teheran interessiert.

Chinas sanfte „Neuaufteilung“ der Welt

Allein die 265 Millionen Einwohner der Vereinigten Staaten, dem Land mit dem größten „Öldurst“ auf diesem Globus, verbrauchen jährlich 897 Millionen Tonnen Erdöl. Zum Vergleich: Asien mit seinen drei Milliarden Einwohnern benötigt 969 Millionen Tonnen. Im Klartext: Die USA verprassen mehr als ein Viertel des Weltverbrauchs; und das bei knapp fünf Prozent der Weltbevölkerung. Aber auch Chinas boomende Wirtschaft lechzt immer mehr nach dem Rohstoff, den es hauptsächlich importieren muss. Der asiatisch-pazifische Raum besitzt nämlich nur äußerst geringe Ölressourcen; etwa sechs Prozent der gesicherten Weltölreserven befinden sich dort; etwa die Hälfte davon unter chinesischer Erde. Auch Japan, gegenwärtig zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, deckt seinen Ölbedarf ausschließlich durch Importe - vor allem aus der Golfregion. Der „Öldurst“ Asiens wird sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas, Indiens und der so genannten „Tigerökonomien“ zukünftig weiter steigern.

Aus dem Grund tritt China im weltweiten Erdölpoker zunehmend als „Global player“ auf. Der Ölverbrauch des Reichs der Mitte stieg in den 90er Jahren um 107 Prozent – bis 2012 rechnen die Chinesen mit einer Verdoppelung. Aus eigenen Quellen kann der Bedarf nicht mehr gedeckt werden:  Schon ab Mitte der 90er Jahre war China gezwungen, zusätzlich Öl zu importieren; im Jahr 2000 betrug der Deckungsgrad aus eigener Produktion nur noch 72 Prozent.

Das „rohstoffhungrige“ China, dessen enormes Wirtschaftswachstum 2006 über zehn Prozent betrug, bezieht mittlerweile auch rund ein Drittel seines Bedarfs aus Afrika: Kupfer aus Sambia, Mangan aus Gabun, Holz aus dem Kongo, von überall her Erdöl. „Jede Beziehung zwischen uns und einem afrikanischen Staat ist eine Freundschaft zwischen Partnern auf gleicher Augenhöhe“, definierte ein Ministerialbeamter aus Peking die Aktivitäten seines Landes. „Beispiellos ärgerlich“ hingegen beurteilt die US-Regierung das Vorgehen: „Peking steht der Demokratisierung autoritärer Staaten im Weg. China unterläuft jedes Embargo gegen afrikanische Diktaturen und schert sich nicht darum, ob Menschenrechte eingehalten werden.“

Die Interessensphären von China, Europa und Amerika kollidieren also auch in Afrika. Der Westen jammert im Chor, Chinas politisches Engagement für Afrika sei ein „wirtschaftliches Arrangement mit Potentaten und habe mit Entwicklungshilfe nicht viel zu tun“. China hingegen hat mehr als 30 afrikanischen Staaten die Schulden teilweise oder gänzlich erlassen, insgesamt elf Milliarden Dollar, betreibt dort etwa 700 Entwicklungshilfeprojekte und bildet Tausende Menschen zu technischem oder medizinischem Fachpersonal aus. Staatspräsident Hu Jintao will die Afrika-Hilfe bis 2009 sogar verdoppeln.

„Nebenher wächst mit jedem Afrika-Deal Chinas weltpolitische Bedeutung. Der Kontinent stellt ein Viertel aller Uno-Mitglieder und hat bei Abstimmungen in der Generalversammlung entsprechendes Gewicht.“ Der Politikwissenschaftler Denis Tull, Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik, betonte: „Peking investiert nicht nur in Staaten, von denen es Rohstoffe bezieht, sondern ist flächendeckend überall in Afrika aktiv - sogar in Ruanda. Die Kritik des Westens ist nicht immer sachlich. China hat viel zur Verbesserung der Infrastruktur in afrikanischen Ländern beigetragen. Man braucht sich nur anzuschauen, welche Ölfirmen in Ländern wie Angola oder Nigeria tätig sind. Da brauchen die westlichen Staaten nichts an China zu kritisieren - die Ölkonzerne kommen nahezu komplett aus dem Westen.“[5]

China, die neue Weltmacht, zudem auf einer Linie mit Russland?: „Auf den vielen Seiten, die (der bekannte deutsche Journalist Peter Scholl-Latour in seinem Buch ‚Russland im Zangengriff’) dem aufstrebenden Land widmet, kann er bei verantwortlichen Politikern verschiedenster Ebene keine chinesischen Animositäten gegenüber dem benachbarten Russland feststellen. China sei auf russisches Öl und russisches Gas, auf sibirische Rohstoffe angewiesen und greife praktisch schon heute auf viel brachliegendes technisches Know-how der Russen zurück. Mehr noch mit dem gemeinsamen Manöver, ‚Frieden 2005’, hatten Peking und Moskau im vergangenen Jahr auf eine gegen China gerichtete Großmäuligkeit des amerikanischen Präsidenten reagiert. Natürlich nur eine Übung im Kampf gegen den Terrorismus.“[6]

Gegen welchen Terrorismus: den amerikanischen? Zumindest hat Peking den Washingtoner Fürsten schon mal die Allmacht hoch droben im Himmel, wohin Bush seine kriegerischen Stoßgebete mehrmals täglich schickt, ordentlich verlitten. 
 

QUELLEN

[1] Feng Yun FY-1 Earth Observation System; http://www.fas.org/spp/guide/china/earth/fy-1.htm
[2] Covault, Craig: China''s Asat Test Will Intensify U.S.-Chinese Faceoff in Space, 21. 1. 2007; http://www.aviationweek.com/aw/generic/story_generic.jsp?channel=awst&id=news/aw012207p2.xml
[3] Chinesischer Raketentest alarmiert die USA, 19. Januar 2007, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,460821,00.html 
[4] Rupp Rainer: In der Sackgasse. Der Anfang vom Ende des US-Imperialismus? Das globale Kräfteverhältnis verschiebt sich zuungunsten von Washington, 20.12.2006, Junge Welt.
[5] Hasnain Kazim: Waffen, Öl, dreckige Deals - wie China den Westen aus Afrika drängt, 16. Januar 2007, Spiegel, http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,458968,00.html
[6] Eingekreiste Weltmacht, 10.11.2006, http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesbuch/561740/

 

 

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