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Privatunternehmen Libanon (junge Welt, 16.2.2005)

Der saudische Milliardär Hariri nutzte seinen Job als Ministerpräsident vor allem zum eigenen Vorteil und kontrollierte nahezu den gesamten Staat

Rafik Hariri, ehemaliger libanesischer Ministerpräsident, einer der 100 reichsten Männer auf dem Globus, wurde am Montag in Beirut Opfer eines Autobombenanschlages. Der TV-Sender Al Dschasira strahlte ein Bekennervideo aus, in dem die unbekannte Islamistengruppe »Sieg und Heiliger Krieg in der Levante« Hariri als »Tyrannen« und »Agenten« Saudi-Arabiens bezeichnete, von einer »widerhallenden Märtyreraktion« sprach und weitere Anschläge gegen »Ungläubige, Abtrünnige, Tyrannen« ankündigte.

Selbsternannter Vermittler

Der 1944 in Sidon geborene Hariri emigrierte 18jährig nach Saudi-Arabien, gründete eine Baufirma, gewann das Vertrauen des Königshauses, für das er prunkvolle Paläste errichtete und so über Nacht Milliardär und en passant saudischer Staatsbürger wurde. 1975 begann im Libanon ein Bürgerkrieg, der 100 000 Menschenleben kostete und mit der Okkupation des Landes durch israelische Truppen endete. Der Saudi Hariri lud als selbsternannter Parlamentär die Konfliktparteien 1989 nach Taif in Saudi-Arabien ein und mobilisierte sie zu einem Friedensabkommen. So fix wie der Dämon Dschinn in den »Erzählungen aus tausendundeiner Nacht« der entkorkten Flasche entfleuchte, zauberte der Geschäftemacher Hariri nach dem Deal einen Wiederaufbauplan für das zerstörte Beirut aus der Tasche. Allerdings mußte er sich bis 1992 gedulden, ehe seine Schwester Bahiya bei den Wahlen im Libanon ein Mandat ergattern und hernach dem damaligen Präsidenten Hrawi den saudischen Bruder und Milliardär ins Gedächtnis rufen konnte. Anstandslos ernannte Hrawi den Geschäftsmann Ende 1992 zum Ministerpräsidenten, der den Opfern des Bürgerkrieges sofort zwölf Millionen Dollar als Schmankerl vor die Füße streute und das Enttrümmern Beiruts mit Bulldozern großzügig aus eigenem Säckel zahlte.

Im Frühjahr 1993 hörte der Spaß allerdings auf. Hariri hievte den Freund Riad Salame in den Chefsessel der Zentralbank, kontrollierte so die Staatsfinanzen und startete mit seiner privaten Baufirma »Solidere« den Wiederaufbau der Hauptstadt, in die er auch Eigenkapital steckte. Hariri, bis 1998 und von 2000 bis 2004 Ministerpräsident, baute seine Dominanz in Politik und Ökonomie des Landes kontinuierlich aus. Wenn ein Teil der Libanesen ihn für einen Patrioten oder Mäzen hält, als Architekten des neuen Libanon oder Retter der maroden Ökonomie feiert, schmettert ihn der andere als Verschwender ab, wirft ihm Korruption, persönliche Bereicherung, wirtschaftlichen Niedergang des Landes, Beschleunigung der Staatsverschuldung oder exorbitante Steuerpolitik vor. Tatsache ist: Hariri führte Libanon als Privatunternehmen, zimmerte sich ein Imperium zusammen, kaufte Banken, Ländereien, »machte« in Öl, diversen Industrien, in Telekommunikation und kontrollierte als Eigner TV-Sender, Radiostationen, einflußreiche Tages- und Wochenzeitungen.

Angriffe gegen Syrien

1998 warf ihm der Rechnungshof Bestechung und Untreue vor, und Staatspräsident Lahoud mokierte, er ignoriere die Armen, während er gleichzeitig seiner Baufirma, die das Monopol über die Großbaustelle Beirut hat, zehnjährige Steuerbefreiung verordne. Hariri warf pikiert das Handtuch, trat aber nach den Wahlen im Jahr 2000 sein altes Amt unter Erzfeind Lahoud wieder an. Im September 2004 intervenierte der UN-Sicherheitsrat per Resolution 1559: Syrien und Libanon, letzteres seit 1991 durch Kooperations- und Freundschaftsvertrag praktisch von Damaskus dominiert, wurden zum Abzug der im Libanon stationierten syrischen Truppen und zu freien Präsidentschaftswahlen aufgefordert. Die Resolution stemmte sich gegen Syriens Unterfangen, den prosyrischen Lahoud entgegen der Verfassung für weitere drei Jahre als Staatspräsidenten zu nominieren. Beirut mauerte, Damaskus boxte Lahoud durch. Hariri trat im Oktober 2004 aus Protest zurück, baute mit dem Drusenführer Walid Dschumblatt eine zugkräftige Opposition auf und warf Syrien vor, die Resolution zu blockieren, um die Präsenz syrischen Militärs im Libanon als Pfund in den Gesprächen mit Israel über die Golan-Höhen und den USA über die Unterstützung von »Terrorbrigaden« zu nutzen. Die Beiruter Regierung konterte, Hariri beuge sich dem Diktat von USA, UN, EU und Israel.

Im April oder Mai 2005 sollen Parlamentswahlen im Libanon stattfinden. Hariri sah sich und Dschumblatt schon als Sieger. Vor kurzem überlebte Marwan Hamadeh, Gefährte Dschumblatts, in Beirut ein Attentat; Dschumblatt machte »Geheimdienste« dafür verantwortlich. Die Hintergründe für den Anschlag auf Hariri sind zumindest offiziell noch unbekannt.

USA heizen Spannung an (junge Welt, 17.2.2005)

Nach der Ermordung des libanesischen Expremiers Hariri richtet Washington scharfe Angriffe gegen Syrien. Keine Beweise gegen Damaskus

Die USA verdächtigen Syrien. George Bush, der Rafik Hariri als Verbündeten betrachtete, sprach von einem »brutalen Mord« an dem libanesischen Expremier. »Der Präsident war schockiert und verärgert«, sagte sein Sprecher Scott McClellan und kritisierte »die ausländische Besatzung« des Libanon durch Syrien. US-Außenministerin Condoleezza Rice warf Syrien vor, die Lage im Libanon zu »destabilisieren«, machte es aber nicht direkt für das Attentat verantwortlich. Sie verwies auf die »Einmischung Syriens in die Angelegenheiten des Libanon« und betonte gegenüber ihrem ägyptischem Kollegen Ahmed Abul Gheit, die Beziehungen der USA zu Syrien seien »leider nicht auf dem Weg einer Verbesserung, sondern auf dem einer Verschlechterung«. »Das syrische Problem ist ein ernstes«, sagte Rice und beschuldigte Syrien, Handlanger Irans zu sein, militante Gruppen in Israel zu unterstützen sowie das Einsickern von Aufständischen und Schmuggeln von Waffen in den Irak nicht wirkungsvoll zu unterbinden. Syrien, so Rice, unterstütze somit den »internationalen Terrorismus und die Aufständischen im benachbarten Irak«.

Rice berief am Dienstag ihre Botschafterin Margaret Scobey zu dringenden Konsultationen aus Damaskus ab und kommentierte: »Wir erachten das an diesem Punkt als notwendig«.

Bislang gibt es jedoch keinerlei Hinweis auf eine Beteiligung Syriens an dem Anschlag. Syriens Präsident Bashar Al Assad sprach von einem »schrecklichen kriminellen Akt« und kündigte Solidarität mit dem »verbrüderten Libanon in dieser gefährlichen Situation« an. Der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Hamid Reza Asefi, verdammte die Tat als »terroristischen Akt« und verdächtigte, wie viele Libanesen auch, den israelischen Geheimdienst Mossad. Andere machen für den Tod Hariris geschäftliche Konkurrenten verantwortlich.

Die islamistische Gruppe »Sieg und Heiliger Krieg in der Levante« bekannte sich am Montag per Video zu dem Attentat. Kurz nach dem Anschlag rief ein Mitglied der Gruppe im Beiruter Büro des TV-Senders Al Dschasira an und teilte die »faire Bestrafung des ungläubigen Agenten« mit. Bürochef Ghassan bin Jiddo: »Der Mann sprach kein reines Arabisch, er sprach mit ausländischem Akzent.« Am Dienstag wurde in Beirut ein verdächtiger Palästinenser verhaftet.

Falsche Schuldzuweisungen (junge Welt, 25.2.2005)

Libanons ermordeter Expremier Hariri hatte nicht mit Damaskus gebrochen. Er war Neokonservativen in den USA ein Dorn im Auge

Seit dem unverblümten Fingerzeig der US-Administration wird in summa »der libanesischen Regierung und der Macht, die dahinter steht« – also Syrien, die Schuld an der Ermordung des libanesischen Expremiers Rafik Al Hariri unterstellt. Die Advokaten der These führen ins Feld, Hariri hätte im Oktober 2004 das Amt als Premier niedergelegt, nachdem er sich der von Syrien unterstützten Verfassungsänderung widersetzt hatte, die dem Rivalen, Staatspräsident Emile Lahoud, die Verlängerung der Amtszeit um weitere drei Jahre ermöglichte. Hernach wäre er in die antisyrische libanesische Opposition übergelaufen, hätte sich für die Umsetzung der UN-Resolution 1559, die den Abzug syrischer Truppen aus dem Libanon und freie Wahlen fordert, stark gemacht und wäre so zur Zielscheibe der Syrer geworden.

Marwan Hamada, Oppositioneller im libanesischen Parlament, dementierte dieser Tage allerdings die Story: »Weder ich noch er haben auf irgendeine Art und Weise etwas mit der Resolution 1559 zu tun gehabt. Er stimmte für die Verlängerung der Amtszeit.« Seit Oktober 2004 ist bekannt, daß der syrische Geheimdienstchef Rustom Ghazaleh Hariri überzeugte, für die Amtszeitverlängerung von Lahoud zu stimmen. Drusenführer Walid Dschumblatt, Zugpferd der Opposition gegen den libanesischen Präsidenten: »Offensichtlich konnte Hariri einigen Angeboten nicht widerstehen.« Nasir Qindil, Parlamentsmitglied, will wissen, daß »die syrische Führung sehr freundliche und strategische Beziehungen zu Hariri pflegte«.

Hariri, der sich nie gegen Damaskus auflehnte, war vor allem Geschäftemacher, ordnete Politik eigenen wirtschaftlichen Interessen unter, kollaborierte mit den Syrern, spielte stets sein eigenes Spiel. Alle Umfragen sahen ihn bereits aus den für Mai 2005 angesetzten Wahlen im Libanon als klaren Sieger hervorgehen. Aber: Ein neuer, alter Premier Hariri hätte am Status quo des Libanon nicht gerüttelt, was nicht nur der antisyrischen Opposition im Land einen Schlag ins Gesicht versetzt hätte.

Kein Wunder, daß Dschumblatt kurz vor dem Attentat den seit 1991 im französischen Exil lebenden Exgeneral und christlichen Oppositionsführer Michel Aoun drängte, in den Libanon zurückzukehren, um mit ihm Front gegen Syrien zu machen; ganz im Sinne des Vatikans, der entzückt posaunte: »Michel Aoun kehrt zurück. Seine Partei, die christliche Patriotische Bewegung, wird sich den Parlamentswahlen im kommenden Frühjahr stellen.« Überzeugt, daß ein Libanon ohne ihn keiner sei, läutete Aoun die Rückkehr ein: »Wir haben 15 Jahre verloren, um die Menschen von der Richtigkeit unserer Sache zu überzeugen.«

Damit spricht er seinen neokonservativen Kumpanen in der US-Regierung, bei denen er ein und aus geht, aus der Seele. Die waren federführend im 2003 vom US-Repräsentantenhaus verabschiedeten »Syria Accountability and Lebanese Sovereignty Restoration Act (SAA), der unter anderem fordert, daß Syrien »sofort und bedingungslos die Unterstützung für den Terrorismus einstellt«, Truppen und Sicherheitskräfte aus dem Libanon abzieht. Und Ziad K. Abdelnour, ein ausgebürgerter libanesischer Investmentbanker, der 1997 gemeinsam mit Neokonservativen der israelischen Likud-Partei und der Christlichen Rechten das »U.S. Committee for a Free Lebanon (USCFL)« gründete, fordert seit Jahren die Bildung einer Marionettenregierung in Beirut unter Führung Aouns. Der »Syrien-Freund« und Profitmacher Hariri stand offenbar im Weg.

Keine Beweise gegen Syrien (junge Welt, 18. März 2005)

UN-Bericht schließt offenbar Verwicklung in Attentat auf Libanons Expremier aus

Die UNO wird offenbar Syrien von einer Mitverantwortung für das Attentat auf den libanesischen Expremier Rafik Hariri freisprechen. Die entsprechende Kommission schloß am Mittwoch die Ermittlungsakte. Hariri war am 14. Februar mit seinem Autokonvoi in Beirut in die Luft gesprengt worden. Das Verbrechen wurde zum Nährboden für die libanesische Opposition. Die griff die Anschuldigung der USA und Israels begierig auf, Mörder und Drahtzieher des Attentats säßen in den Machtzentren von Beirut und Damaskus.

Der UN-Sicherheitsrat verlangte kurz nach dem Anschlag einen »dringenden Bericht über die Umstände, Gründe und Folgen des Mordes« und sandte am 24. Februar Ermittler aus Irland, Ägypten, Marokko und der Schweiz nach Beirut. Kommissionschef Peter Fitzgerald will in der kommenden Woche UN-Generalsekretär Kofi Annan den Report vorlegen. Die UN-Kommission lehnte zwar Kommentare zu den Untersuchungsergebnissen ab, eine UNO-Quelle deutete aber an, Fitzgerald werde die Regierungen des Libanon und Syriens nicht anklagen, aber Schlamperei bei Tatortsicherung und -untersuchung kritisieren.

Das hält die »Zedernrevolutionäre« nicht davon ab, syrischen und libanesischen Geheimdiensten bar jeden Beweises die Schuld für den Mord zu unterstellen. Aufgestachelt wurden sie zuletzt am Montag durch den Nahost-Korrespondenten Robert Fisk, der in der britischen Tageszeitung The Independent ein Zerrbild von den UN-Ermittlungen zeichnete: Die Ermittler seien überzeugt, daß »in den höchsten Rängen« der Geheimdienste Beweise manipuliert worden seien und daß der UN-Bericht »verheerend« ausfallen werde. Fisk nannte keine Quellen, sagte aber, US-Präsident George W. Bush werde am Mittwoch verkünden, »syrische und vielleicht libanesische Offiziere des Militär-Geheimdienstes« seien in den Mord »involviert« gewesen. Das Weiße Hause verneinte indes: »Ich habe keine Vorstellung, woher diese Nachricht kam«, erklärte Bushs Sprecher Scott McClellan.

Präsident fährt nicht zum Gipfel (junge Welt, 21. März 2005)

Libanon: Innenpolitische Turbulenzen nach zweitem Bombenattentat

In der Nacht zu Samstag explodierte in Dscheideh, einem Vorort der libanesischen Hauptstadt Beirut, eine Zeitzünderbombe. Umherfliegende Trümmer und Glassplitter verletzten elf Menschen, darunter zwei Kinder. Es war der zweite größere Anschlag seit dem 14. Februar, bei dem der frühere Ministerpräsident Rafik Hariri und 19 weitere Personen getötet wurden. Über Motiv und Ziel des Attentates herrschte Unklarheit. Bis Sonntag abend hatte sich niemand bekannt. Anwohner sagten, in der Gegend, ein Gewerbegebiet mit Geschäften und Boutiquen, leben keine prominenten Persönlichkeiten: »Wir sind alle ganz normale Leute«, vielleicht wolle man »Unfrieden zwischen Christen und Moslems säen«.

Oppositionspolitiker machten die prosyrische Regierung unter Präsident Emile Lahoud für die Tat mitverantwortlich. Pierre Gemayel, Abgeordneter der Opposition im Parlament, sprach von einem »terroristischen Akt« und behauptete, die Urheber des Anschlags wollen das Land destabilisieren und Ängste vor dem Abzug der syrischen Truppen aus dem Libanon schüren: »Seht, was den Libanon erwartet, wenn Syrien sich zurückzieht«, sagte er dem Fernsehsender Al Jazeera. Oppositionsführer Walid Dschumblatt betonte, es könne zu weiteren Anschlägen kommen, solange der »prosyrische« Präsident Lahoud im Amt bleibe.

Lahoud kündigte an, er werde nicht zum Gipfel der Arabischen Liga in der kommenden Woche nach Algier reisen. Er begründete den Schritt mit der gespannten innenpolitischen Lage. Hauptthema des Gipfels ist die Situation in Libanon.

Nebel um Hariri-Mord bleiben (Neues Deutschland, 21. März 2005)

Verstrickung libanesischer und ausländischer Geheimdienste vermutet

Nach fünf Wochen Verwirrung um den Mord an Libanons Expremier Hariri soll es jetzt angeblich Beweise für die Verantwortung Syriens geben.

Sie habe "klare Beweise", dass Syrien für den Mord am libanesischen Expremier, Geschäftsmann und Milliardär Rafik Hariri verantwortlich sei, erklärte jetzt die britische Tageszeitung "Times". Hariri war am 14. Februar in Beirut durch eine Autobombe getötet worden. Das Blatt stützte sich auf den libanesischen Oppositionsführer Walid Dschumblatt: "In den nächsten zwei Wochen sei entweder er selbst dran oder ich", habe ihm Hariri zwei Tage vor seinem Tod zu verstehen gegeben. Die "Times" behauptete auch, die Regierung in Beirut habe nach dem Attentat den Tatort geräumt, um Hinweise auf die Täterschaft Syriens zu beseitigen.

Der Weltsicherheitsrat sandte am 24. Februar eine Kommission unter Vorsitz des stellvertretenden irischen Polizeichefs, Peter Fitzgerald, zur Untersuchung nach Beirut, um einen "dringenden Bericht über die Umstände, Gründe und Folgen des Mordes" zu erstellen. Das Team beendete vorige Woche die Arbeit. Eine UNO-Quelle meinte dazu: Der Bericht werde die Regierungen Libanons und Syriens nicht anklagen, zweifellos aber Schluderei der libanesischen Behörden bei Tatortsicherung und -untersuchung sowie die Möglichkeit eines Selbstmordanschlages mit einem Lastkraftwagen statt eines Pkw einräumen. Fitzgerald dankte Libanons Präsident Lahoud "für die Kooperation der Behörden". Bis Ende März will er UN-Generalsekretär Kofi Annan den Bericht vorlegen, der offenbar den Artikel in der "Times" nicht bestätigt.

Auch der Nahost-Korrespondent der britischen Tageszeitung "The Independent", Robert Fisk, wußte letzte Woche mehr als die Ermittler: Die Kommission sei überzeugt, schrieb er, daß "in den höchsten Rängen" der Geheimdienste Beweise verschleiert worden wären, und daß der UN-Bericht "verheerend" ausfallen werde.

Die Opposition in Libanon drängt derweil auf Ablösung führender Geheimdienstoffiziere, sie glaubt, der libanesische Geheimdienst habe ebenso wie der syrische die Finger im Spiel gehabt. Der Chef der libanesischen Sicherheitsdienste, Jamil al-Sayyed, lehnte den Rücktritt ab mit den Worten: "Alle Chefs der Sicherheitsdienste sind bereit, Rechenschaft zu geben und abgeurteilt zu werden, wenn der geringste Beweis für Verwicklung oder Nachlässigkeit existiert." Er beantragte ein Ermittlungsverfahren gegen sich selbst. Im Februar hatte er den Kuwaiter Ahmad Al Jar Allah, Herausgeber der Tageszeitung “Al Siyasa”, wegen Verleumdung verklagt. Der schrieb, Sayyad und General Asif Shawkat, Chef des syrischen Militärgeheimdienstes, sowie der syrische Generalmajor Bahjat Sulaiman seien die Täter.

Die Opposition glaubt nicht an die offizielle Version der libanesischen Fahnder, der im Libanon beheimatete Palästinenser Ahmed Abu Addas habe das Sprengstoffauto entweder selbst gelenkt oder auf dem Beifahrersitz gesessen. Nach dem Anschlag bekannte ein arabisch mit ausländischem Akzent sprechender Vertreter des "Beistands und Dschihads in Syrien und in Libanon" telefonisch: "Wir haben eine widerhallende Märtyreraktion ausgeführt". Im Bekennervideo tauchte jener Abu Addas auf. Die Dschihadisten wiesen das als Fälschung und "reine Erfindung" von sich: "Unsere vorrangige Aufgabe ist die Unterstützung der Brüder im Irak und in Palästina und nicht, Autos in die Luft zu jagen". 

Das Attentat auf Hariri nutzt am ehesten strategischen Zielen der USA und Israels. Washington will den Raum "demokratisch" neu ordnen, Tel Aviv spekuliert auf eine Beiruter Regierung, die die Hisbollah-Miliz ausschaltet und den 400000 Palästinensern im Libanon die Staatsbürgerschaft gewährt, sie somit des Rechtes beraubt, nach Israel zurückzukehren. Araber sehen daher den israelischen Geheimdienst oder die CIA hinter dem Attentat. Morde mit Autobomben gehörten zum Repertoire des Mossad im Beirut der 70er und 80er Jahre. So wollte Elie Hobeika, libanesischer Minister, 1976 an den Blutbädern in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila beteiligt, 2002 über die Rolle des israelischen Premiers Ariel Sharon während der Gemetzel aussagen. Kurz darauf tötete ihn eine ferngezündete Bombe. Ein Angeklagter behauptete, der Mossad habe die Ermordung organisiert.

Bei einem Terroranschlag in Beirut wurden derweil sieben Personen verletzt. Die Bombe explodierte unter einem Auto in einem vorwiegend von Christen bewohnten Viertel. Ein Wohnhaus wurde zerstört.

Attentat Nummer drei (junge Welt, 24. März 2005)

Libanons Opposition wittert »prosyrische« Gruppen hinter neuem Anschlag. Bildung einer Übergangsregierung unter Karami fraglich

In der Hafenstadt Dschunjeh, 20 Kilometer nördlich von Beirut, detonierte in der Nacht zum Mittwoch ein Sprengsatz und tötete mindestens drei Menschen. Der Anschlag geschah im Geschäfts- und Wohnviertel Kaslik der vor allem von Christen bewohnten Stadt. Die Bombe mit 70 Kilogramm TNT-Sprengstoff, verborgen in einer Tasche unter der Treppe eines mehrstöckigen Einkaufszentrums, brachte das Gebäude zum Einsturz.

Es war der dritte Bombenanschlag im Libanon innerhalb der letzten sechs Wochen. Seit dem Attentat auf Expremier Rafik Hariri am 14. Februar, für den die libanesische Opposition Syrien verantwortlich macht, befindet sich das Land in einer innenpolitischen Krise. Zu den Gegnern des »syrischen Einflusses« zählen auch christliche Gruppen. »Es ist klar, daß diejenigen, die dieses Attentat verübt haben, die Sicherheit und Stabilität des Landes angreifen«, sagte Exaußenminister und Oppositionspolitiker Fares Boueiz nach dem Anschlag. »Das ist eine politische Botschaft an die antisyrische Unabhängigkeitsbewegung.«

Das neue Attentat bringt erste Annäherungsversuche zwischen Regierung und Opposition ins Wanken. Seit Tagen müht sich der designierte »prosyrische« Regierungschef Omar Karami, der im Februar infolge massiver Proteste nach dem Anschlag auf Hariri zurückgetreten und Tage darauf von Präsident Emile Lahoud wieder ins Amt berufen worden war, eine Übergangsregierung der »nationalen Einheit« zu bilden, die das Land aus der Krise führen soll. Am Dienstag kehrte der maronitische Patriarch Nasrallah Sfeir nach Konsultationen mit US-Präsident George Bush und UN über die Zukunft des Libanon aus den USA zurück und erklärte wenige Stunden vor dem Anschlag, einige Oppositionsführer würden sich an Karamis Übergangsregierung beteiligen. Sfeir schlug die Bildung eines Kabinetts vor, in dem die Opposition über die Hälfte der Plätze verfüge. Auch Oppositionsführer Walid Dschumblatt lenkte ein. Er gab Richtung Karami zu verstehen, die Opposition würde bis zu den Wahlen im Mai nicht unbedingt auf all ihren Forderungen, wie Rücktritt führender libanesischer Geheimdienstchefs, beharren. Dschumblatt nahm sogar Abstand von seinem wiederholten Verlangen, der »prosyrische« Lahoud solle das Präsidentenamt niederlegen.

Auf dem Gipfel der Arabischen Liga in Algier äußerte sich UN-Generalsekretär Kofi Annan erstmals – indirekt – zu den Ergebnissen der UN-Kommission, die er nach Beirut entsandt hatte, um die Hintergründe des Attentates auf Hariri aufzuklären. Annan forderte am Mittwoch »alle Parteien« zur Zusammenarbeit auf, um »Libanons Stabilität und nationale Einheit zu gewährleisten«.

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