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Nebel um Hariri-Mord bleiben (Neues Deutschland, 21. März 2005)
Verstrickung libanesischer und ausländischer Geheimdienste vermutet
Nach fünf Wochen Verwirrung um den Mord an Libanons Expremier Hariri soll es jetzt angeblich Beweise für die Verantwortung Syriens geben.
Sie habe "klare Beweise", dass Syrien für den Mord am libanesischen Expremier, Geschäftsmann und Milliardär Rafik Hariri verantwortlich sei, erklärte jetzt die britische Tageszeitung "Times". Hariri war am 14. Februar in Beirut durch eine Autobombe getötet worden. Das Blatt stützte sich auf den libanesischen Oppositionsführer Walid Dschumblatt: "In den nächsten zwei Wochen sei entweder er selbst dran oder ich", habe ihm Hariri zwei Tage vor seinem Tod zu verstehen gegeben. Die "Times" behauptete auch, die Regierung in Beirut habe nach dem Attentat den Tatort geräumt, um Hinweise auf die Täterschaft Syriens zu beseitigen.
Der Weltsicherheitsrat sandte am 24. Februar eine Kommission unter Vorsitz des stellvertretenden irischen Polizeichefs, Peter Fitzgerald, zur Untersuchung nach Beirut, um einen "dringenden Bericht über die Umstände, Gründe und Folgen des Mordes" zu erstellen. Das Team beendete vorige Woche die Arbeit. Eine UNO-Quelle meinte dazu: Der Bericht werde die Regierungen Libanons und Syriens nicht anklagen, zweifellos aber Schluderei der libanesischen Behörden bei Tatortsicherung und -untersuchung sowie die Möglichkeit eines Selbstmordanschlages mit einem Lastkraftwagen statt eines Pkw einräumen. Fitzgerald dankte Libanons Präsident Lahoud "für die Kooperation der Behörden". Bis Ende März will er UN-Generalsekretär Kofi Annan den Bericht vorlegen, der offenbar den Artikel in der "Times" nicht bestätigt.
Auch der Nahost-Korrespondent der britischen Tageszeitung "The Independent", Robert Fisk, wußte letzte Woche mehr als die Ermittler: Die Kommission sei überzeugt, schrieb er, daß "in den höchsten Rängen" der Geheimdienste Beweise verschleiert worden wären, und daß der UN-Bericht "verheerend" ausfallen werde.
Die Opposition in Libanon drängt derweil auf Ablösung führender Geheimdienstoffiziere, sie glaubt, der libanesische Geheimdienst habe ebenso wie der syrische die Finger im Spiel gehabt. Der Chef der libanesischen Sicherheitsdienste, Jamil al-Sayyed, lehnte den Rücktritt ab mit den Worten: "Alle Chefs der Sicherheitsdienste sind bereit, Rechenschaft zu geben und abgeurteilt zu werden, wenn der geringste Beweis für Verwicklung oder Nachlässigkeit existiert." Er beantragte ein Ermittlungsverfahren gegen sich selbst. Im Februar hatte er den Kuwaiter Ahmad Al Jar Allah, Herausgeber der Tageszeitung “Al Siyasa”, wegen Verleumdung verklagt. Der schrieb, Sayyad und General Asif Shawkat, Chef des syrischen Militärgeheimdienstes, sowie der syrische Generalmajor Bahjat Sulaiman seien die Täter.
Die Opposition glaubt nicht an die offizielle Version der libanesischen Fahnder, der im Libanon beheimatete Palästinenser Ahmed Abu Addas habe das Sprengstoffauto entweder selbst gelenkt oder auf dem Beifahrersitz gesessen. Nach dem Anschlag bekannte ein arabisch mit ausländischem Akzent sprechender Vertreter des "Beistands und Dschihads in Syrien und in Libanon" telefonisch: "Wir haben eine widerhallende Märtyreraktion ausgeführt". Im Bekennervideo tauchte jener Abu Addas auf. Die Dschihadisten wiesen das als Fälschung und "reine Erfindung" von sich: "Unsere vorrangige Aufgabe ist die Unterstützung der Brüder im Irak und in Palästina und nicht, Autos in die Luft zu jagen".
Das Attentat auf Hariri nutzt am ehesten strategischen Zielen der USA und Israels. Washington will den Raum "demokratisch" neu ordnen, Tel Aviv spekuliert auf eine Beiruter Regierung, die die Hisbollah-Miliz ausschaltet und den 400000 Palästinensern im Libanon die Staatsbürgerschaft gewährt, sie somit des Rechtes beraubt, nach Israel zurückzukehren. Araber sehen daher den israelischen Geheimdienst oder die CIA hinter dem Attentat. Morde mit Autobomben gehörten zum Repertoire des Mossad im Beirut der 70er und 80er Jahre. So wollte Elie Hobeika, libanesischer Minister, 1976 an den Blutbädern in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila beteiligt, 2002 über die Rolle des israelischen Premiers Ariel Sharon während der Gemetzel aussagen. Kurz darauf tötete ihn eine ferngezündete Bombe. Ein Angeklagter behauptete, der Mossad habe die Ermordung organisiert.
Bei einem Terroranschlag in Beirut wurden derweil sieben Personen verletzt. Die Bombe explodierte unter einem Auto in einem vorwiegend von Christen bewohnten Viertel. Ein Wohnhaus wurde zerstört.
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